Blutdoping-Experte Michael Ashenden © NDR Foto: Screenshot

Doping

Stolpert die IAAF über ihre eigenen Experten?

von Hajo Seppelt, ARD-Dopingredaktion

Nach Darstellung des australischen Blutdoping-Experten Michael Ashenden hätte der Weltverband IAAF auch schon vor 2009 dopingverdächtige Sportler aus der Blutdatenbank des Verbandes sperren können.

"Auf die Einführung des Blutpasses 2009 hätte die IAAF nicht warten müssen. Sie hätte Athleten mit abnormalen Blutwerten sanktionieren können", sagte Ashenden der ARD-Dopingredaktion und verwies dabei auf ein Doping-Verfahren der IAAF vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) gegen die griechische Hindernisläuferin Irini Kokkinariou, das von der IAAF gewonnen wurde.

"Bei dieser Heuchelei bleibt einem die Spucke weg"

Laut Urteilsbegründung des CAS im November 2012 waren von der IAAF tatsächlich auch auffällige Blutwerte aus der Zeit vor 2009 für den Dopingbeweis herangezogen worden. Das Expertentrio der IAAF hatte demnach in den Gutachten zu Kokkinarious Blutwerten aus der Zeit zwischen 2006 und 2009 festgestellt, dass diese den "Gebrauch einer verbotenen Substanz und / oder verbotenen Methode anzeigen". Der CAS schloss sich dieser Auffassung an. Blutdoping-Experte Ashenden erklärt dazu: "Es ist mit dem Fall Kokkinariou erwiesen, dass solche Resultate, die bis 2006 zurückreichen, als zuverlässige Beweise von Blutmanipulation zulässig sind. Wenn die IAAF behauptet, nur drei Jahre nachdem sie im Prozess obsiegt hat, dass die Werte keine verlässlichen Hinweise sind, dann bleibt einem die Spucke weg bei dieser Heuchelei."

Die IAAF hat auf eine aktuelle Anfrage der ARD keine Stellungnahme abgegeben. In der Vergangenheit hat der Weltverband aber wiederholt erklärt, dass "Blutproben, die vor Einführung des Blutpass-Programms genommen wurden, nicht für einen Dopingbeweis benutzt werden können". Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte sich Anfang August dieser Auffassung angeschlossen und erklärt, dass vor 2009 gesammelte Daten "rechtlich oder anderweitig nicht als Doping betrachtet werden können".

Fall Pechstein kann unerwartete Rolle spielen

Im Lichte dieser Aussagen könnte der umstrittene Fall der deutschen Eisschnellläuferin Claudia Pechstein eine unerwartete Rolle spielen: Die Internationale Eislaufunion (ISU) und der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hatten ihre Entscheidungen im Verfahren wegen Blutdoping-Verdachts gegen die mehrfache Olympiasiegerin 2009 mit auffälligen Blutwerten begründet, die außerhalb der Richtlinien des Blutpassprogramms vor 2009 genommen worden waren. Blutdoping-Forscher Ashenden sagte dazu der ARD: "Der Fall Pechstein ist für mich ein weiterer Beweis, dass die IAAF die Blutwerte aus der Datenbank für die Aufnahme von Verfahren gegen verdächtige Athleten hätte nutzen können." Hält die WADA hingegen ihre jetzige Auffassung aufrecht, dass vor 2009 gemessene Werte nicht als Beweis für Doping tauglich wären, droht im Pechstein-Fall sechs Jahre nach der CAS-Entscheidung eine weitere unerwartete Wendung: Die Berlinerin könnte prüfen, ob sie aufgrund der Rechtsauffassung der WADA gegen die Urteile von 2009 erneut gerichtlich vorgeht.

Ashenden und sein Kollege Robin Parisotto hatten die der ARD und der britischen Zeitung "Sunday Times" vorliegenden mehr als 12.000 Blutwerte aus dem Datensatz des Weltverbandes analysiert. Sie waren zu der Einschätzung gekommen, dass jeder dritte Medaillengewinner bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften zwischen 2001 und 2012 dopingverdächtige Blutwerte aufwies.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 30.08.15 08:10 Uhr