Usain Bolt © dpa - Bildfunk Foto: Wu Hong

Busemanns WM-Kolumne

Vom Kampf mit dem Säbelzahntiger

von Frank Busemann

Usain Bolt hat ein Gold-Abo - warum eigentlich? Am Beispiel des Supersprinters philosophiert ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann über das vielbesungene Sieger-Gen.

Warum gewinnt ein Bolt immer wieder? Stellen wir die Frage nach dem Grund des sportlichen Erfolgs, gibt es Prinzipien, die sich verallgemeinern lassen. Die Magie des Wettkampfes besteht darin, dass man sich mit Gleichgesinnten misst. Zweifelsohne ist damit Stress verbunden. Stress versorgt uns zum Beispiel mit Adrenalin und bereitet uns auf den (Wett-)Kampf mit dem Säbelzahntiger vor. Usains Tiger heißt Justin - und der ist ein Stressor erster Güte. Früher gab es im Angesicht des Todes nur kloppen oder fliehen. Da Usain Bolt kein Boxer ist, scheint er der größte Schisser von allen zu sein. Diese Erkenntnis nutzen nun selbst die deutschen Athleten und nehmen das Know-how erfahrener Sportpsychologen in Anspruch. Das Hirn lässt sich wie ein Muskel trainieren. Durch stete Wiederholungen festigen sich neuronale Verschaltungen, die Zustände wie Angst anders bewerten, erträglich machen und in Leistung umwandeln.

Hunger, Dürre, Seuchen? Nein, ist nur Sport!

Angst oder negativer Stress hat auch immer etwas mit Verlustgefahr zu tun. Was hat ein Sportler zu verlieren, wenn er scheitert? Und warum gibt es Athleten, die rennen, als gäbe es kein Morgen mehr? Weil sie nichts zu verlieren haben. Oder sich das zumindest einreden - gut so. Was passiert nämlich, wenn der Athlet nicht oder schlecht ins Ziel kommt? Hunger, Dürre, Seuchen? Nein, nichts! Ist nur Sport! Okay, bei vielen der Job - der ist schon wichtig. Aber der Misserfolg ist Bestandteil des Erfolges. Gäbe es den nicht, gäbe es keinen Sieger. Indem sich der Athlet diesem Prozedere aussetzt, spielt er mit der Niederlage. Und das macht es spannend und erstrebenswert. Dem Gegner zeigen, wer der Boss ist. Ein gutes Gefühl. Klappt aber nicht immer.

Sport ist auch emotional und individuell wichtig. Sich im Selbstmitleid zu suhlen und sich dem Schicksal hinzugeben hat noch keinen weitergebracht, aber immer wieder zu scheitern verschaltet das Hirn genau so wie Erfolg und der Athlet wartet zukünftig auf den letzten Platz. Eine große Gefahr, diese selbsterfüllende Prophezeiung.

Wer im Moment ist, ist im Flow

Der Athlet muss von dem überzeugt sein, was er tut. Und er hat Fehler. Jeder Athlet schleppt einen Haufen Fehler mit sich rum, die aber zur Bewältigung der Aufgabe keine Relevanz haben. Sieger konzentrieren sich mit besonderer Achtsamkeit auf das was sie können und nicht auf das, was sie nicht können. Sie genießen den Moment und sind im Hier und Jetzt zu Hause. Nicht bei Meter 10 oder bei der nächsten Höhe. Wer im Moment ist, ist im Flow. Der denkt nicht an Verlust oder Schaden, der spürt etwas, das man gemeinhin als gutes Gefühl bezeichnet. Ein Gefühl, dass man schmecken, spüren und greifen kann.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 27.08.15 17:17 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 P.)
WM-Bronze 1997 (8.652 P.)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)